Auszug: Erfahrungen beim Verfassen einer Sonntagsrede
(Martin Walser, 11. Oktober 1998)
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Martin Walser (1927-2023)
Schriftsteller
Auszug: Rede in der Synagoge Rykerstraße in Berlin
(Ignatz Bubis, 9. November 1998)
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Ignatz Bubis (1927-1999)
ehem. Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland
Schande statt Schuld:
historische Relativierung durch das „Ich“ des Schriftstellers
Die Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels an den Schriftsteller Martin Walser und insbesondere dessen Dankesrede führte zu einer langen und heftigen Debatte, die die Wahrnehmung der Paulskirche und die Tradition des Friedenspreises insgesamt veränderte. Im Zentrum dieser Debatte stand die Frage, welche Bedeutung die Erinnerung an Auschwitz im gesellschaftlichen Selbstverständnis der Bundesrepublik Deutschland haben sollte.
Walser kritisiert in seiner Rede die bundesdeutschen Erinnerungskultur als eine „Drohroutine“, die Auschwitz als „Moralkeule“ instrumentalisiere. Er geht dabei auch auf die ersten Entwürfe des Denkmals für der ermordeten Juden Europas in Berlin ein und bezeichnet diesen neuen zentralen Gedenkort als „fußballfeldgroßen Alptraum“ und „Monumentalisierung der Schande“.
Bereits unmittelbar nach Ende der Rede warf der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Ignatz Bubis, dem Schriftsteller vor, dass er Auschwitz relativiere. Seine Kritik bezog sich sowohl auf Aussagen Walsers als auch seine Rhetorik. Walsers „Sonntagsrede“ stelle eine Selbstdistanzierung von der deutschen Verantwortung dar, die letztlich einen Schlussstrich fordere. Der Einspruch von Bubis gegen die Rede Walsers verdeutlicht die Unvereinbarkeit der Perspektiven. Für den jüdischen Überlebenden ist die Erinnerung an Auschwitz eine Grundlage der Demokratie, für den deutschen Schriftsteller stellt sie eine moralische Störung der deutschen Kultur dar, die überwunden werden müsse.
Martin Walser während seiner Rede (Foto Werner Gabriel)
Martin Walser während seiner Rede (Foto Werner Gabriel)
Ersehnte Normalität und die Zustimmung des Publikums:
vom „negativen“ zum „positiven“ Nationalismus
Martin Walser war zum Zeitpunkt der Friedenspreisverleihung vor allem als ein streitbarer und unangepasster Autor bekannt. Er hatte sich stets für die Wiedervereinigung Deutschlands stark gemacht, wurde jedoch nicht als nationalkonservativer Schriftsteller wahrgenommen. Dies änderte sich mit seiner Rede in der Paulskirche, die eine neue Perspektive anbot: Deutschland als normale Gesellschaft. Walsers Wunsch nach einem positiven nationalen Selbstverständnis steht die öffentliche Erinnerung an die „dunkle Vergangenheit“ als wegzuräumender Widerspruch entgegen. Seine Kritik an der Erinnerungskultur aber hat auch einen zunächst impliziten Adressaten. Wenig später wird dieser explizit: Walsers Roman Tod eines Kritikers (2002) wendet sich unverhohlen gegen einen zweiten jüdischen Überlebenden in Frankfurt: den Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki.
Walsers Selbstverständnis basiert auf einer Verkehrung der Täterperspektive. Zwar ist er als Deutscher im Nationalsozialismus aufgewachsen, doch will er nicht an diese Zeit erinnert werden. Er inszeniert sich vielmehr als Opfer von wiederkehrenden Schuldvorwürfen und moralischen Zurechtweisungen. Damit rückt er die Überlebenden der Schoa in die Position übermächtiger Ankläger. Diese Auflehnung Walsers gegen den „Schulddiskurs“, der auch die zeitgenössische Debatte um die Zwangsarbeiterentschädigung prägte, stieß nicht allein auf Kritik. Im Gegenteil: Walser erhielt viel Zuspruch, viele dankten ihm für den Bruch mit der als zwanghaft empfundenen Erinnerungskultur, ja für die „Befreiung“ aus ihr. Er sprach offenbar ein Gefühl aus, das viele Deutsche teilten und nicht auszusprechen wagten. In der Paulskirche wurde seiner Rede mit stehenden Ovationen gedankt.
Applaus nach der Rede von Walser (Foto: Werner Gabriel)
Applaus nach der Rede von Walser (Foto: Werner Gabriel)
Den Beifall verweigern:
Ignatz Bubis in der Paulskirche und in der Rolle des Kritikers
Zu den wenigen Personen, die nicht in den Applaus für Martin Walsers Friedenspreisrede einstimmten, zählt Ignatz Bubis. Am Tag nach der Preisverleihung bezeichnet er Walsers Rede in der Presse als eine „geistige Brandstiftung” und als Versuch, die historische Auseinandersetzung mit den Verbrechen des Nationalsozialismus zu beenden. Bubis erkannte, dass die von Walser ersehnte Normalisierung Deutschlands mit einer Verdrängung der deutschen Verbrechen aus dem Gedächtnis der Bevölkerung einherging.
Etwa einen Monat nach der Friedenspreisverleihung hielt Bubis am 9. November 1998 aus Anlass des Gedenkens an das Novemberpogrom von 1938 in Berlin eine Rede, die als ausführliche Antwort auf Walser verstanden werden kann. Darin problematisierte er ausführlich die „Kultur des Wegschauens und Wegdenkens“, der Walser das Wort redete. Diese Kultur sei im Nationalsozialismus weitverbreitet gewesen und dürfe, so Bubis, nicht wieder zu Gewöhnung werden. Der Wunsch, die Gegenwart von der Geschichte zu befreien, sei der Nährboden des neuen Rechtsextremismus. Dass Bubis nach Walsers Rede sitzenblieb und den Beifall verweigerte, ist mehr als nur eine beiläufige Geste. Bubis’ unmittelbare Reaktion in der Paulskirche hat bis heute Symbolkraft. Intellektuelle Unabhängigkeit, die Verbindung von Geschichtsbewusstsein mit dem Einsatz für eine demokratische Gesellschaft und die Sorge um das jüdische Leben in Deutschland sind noch immer wichtige Bestandteile einer kritischen Erinnerungs- und Debattenkultur. Der gespenstischen Präsenz von Walsers Rede über die „Moralkeule Auschwitz“ lässt sich somit in der Paulskirche der kritische Geist von Bubis entgegenhalten.
Ignatz Bubis in der Paulskirche im Jahr 1997 (Foto: Helmut Fricke)
Ignatz Bubis in der Paulskirche im Jahr 1997 (Foto: Helmut Fricke)
Gesamte Rede: Erfahrungen beim Verfassen einer Sonntagsrede
(Martin Walser, 11. Oktober 1998)
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Gesamte Rede: Rede in der Synagoge Rykerstraße in Berlin
(Ignatz Bubis, 9. November 1998)
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Weitere Reden zum Themenfeld Nationalistische Geschichtspolitik
1982: Goethepreis der Stadt Frankfurt am Main
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