Kurzer Auszug, deutsch: Die Versöhnung der Gegensätze (22. September 1968)
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Léopold Sédar Senghor (1906 – 2001)
Schriftsteller und Politiker, ehem. Staatspräsident des Senegal
Der Friedenspreis und die 68er:
gegensätzliche Perspektiven
Die Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels an den Dichter und senegalesischen Staatspräsidenten Léopold Sédar Senghor fällt in das politisch turbulente Jahr 1968. Erstmals wird ein schwarzer, afrikanischer Autor und Politiker in der Paulskirche gewürdigt. Die Jury verbindet mit der Vergabe die Absicht, die internationale Strahlkraft des Preises über Europa hinaus sowohl politisch als auch kulturell auszuweiten.
Die Preisverleihung an Senghor wurde von der Studierendenbewegung heftig kritisiert. Doch richtete sich ihr Protest nicht allein gegen den Preisträger, sondern vor allem gegen jene, die ihn in der Paulskirche auszeichnen wollten. Senghor betrachteten die Protestierenden als Teil der bürgerlichen Kulturpolitik sowie als Handlanger des politischen Establishments, das sie kritisierten. Darüber hinaus warfen sie ihm die gewaltsame Niederschlagung von Arbeiter- und Studierendenprotesten im Senegal im Mai 1968 vor. Die Kritik bezieht sich somit vor allem auf den Politiker Senghor. Als Schriftsteller gilt er vielen als preiswürdig – auch wenn er dem deutschsprachigen Publikum zu dieser Zeit eher unbekannt ist. Ungeklärt bleibt bei aller Kritik, in welchem Verhältnis die politische Praxis und das literarische Werk zueinander stehen. Für Senghor selbst bilden sie einen Zusammenhang – doch seine eigene Auffassung geht inmitten des Streits um die Preisverleihung fast gänzlich unter.
Senghor bei der Ankunft in Frankfurt (Foto: Tadeusz Dabrowski, ISG)
Humanismus und Négritude:
Verbindung und Selbstbehauptung
Mit dem Friedenspreis für Léopold Sédar Senghor sollte eine politische Stimme gewürdigt werden, die Afrika und Europa verbindet. Humanistisch gebildet und der europäischen Kulturgeschichte verpflichtet gilt Senghor als ein idealer Gesprächspartner. In seiner Rede beschreibt er dagegen eher die mit seiner intellektuellen Biografie verbundenen Widersprüche: etwa den Umstand, dass sein Studium der klassischen französischen und deutschen Literatur letztlich die Grundlage für sein eigenständiges Verständnis der afrikanischen Kulturen geprägt hat. Von diesem aus formuliert er wiederum seine Kritik der kolonialen Gewaltgeschichte Europas. Seit den 1930er Jahren war Senghor neben dem Schriftsteller Aimé Césaire wesentlich an der Entwicklung der Idee der négritude, der kulturellen Selbstbehauptung schwarzer Menschen, beteiligt.
Dieser Ansatz Senghors, den seine Aufsatzsammlung Négritude und Humanismus 1967 auch einem deutschsprachigen Publikum näherbringt, wird in der Diskussion um seine Rede als Suche nach einem essentialistischen „afrikanischen Wesen“ missverstanden. Doch geht es ihm eher um eine kulturelle und politische Eigenständigkeit, die sich von dem kolonialrassistischen Bild Afrikas als „primitiver“ Kultur befreit. Die eigene Menschenwürde schwarzer Menschen sei, so Senghor, durch die Literatur wiederherzustellen. Hierzu müsse auch das Ausmaß der kulturellen Zerstörungskraft durch den Kolonialismus und die europäische Versklavung nachvollzogen werden. Die Literatur der négritude legt für Senghor die Grundlage hierfür: kulturelle Befreiung, so seine Überzeugung, ist die Voraussetzung politischer Freiheit.
Senghor während der Verleihung des Friedenspreises in der Paulskirche (Foto: Lutz Kleinhans)
Gespaltener Internationalismus:
Sozialismus in Europa und in Afrika
Léopold Sédar Senghor war Sozialist. Aufgrund seiner Kritik am Sowjetkommunismus war er allerdings nicht anti-westlich eingestellt. Trotz seines Einsatzes für die kulturelle und politische Selbständigkeit Afrikas blieb er den alten Kolonialmächten zumindest ideell und teilweise politisch verbunden. Das stieß innerhalb der sozialistischen Bewegung auf Kritik. Senghor hielt dem seine eigene sozialistische Perspektive entgegen: Die Arbeiterklasse in Europa hatte ihm zufolge vom Kolonialismus profitiert. Dagegen seien die afrikanischen Arbeiter, etwa in der Rohstoffgewinnung, nie ein gleichberechtigter Teil der globalen Arbeiterschaft gewesen. Und weil Afrika nicht in gleicher Weise durch Klassenverhältnisse geprägt wurde, benötige es auch eine eigene Perspektive der Befreiung.
Bei den Protesten des Sozialistischen Deutschen Studentenbunds (SDS) gegen den Friedenspreis spielte all das keine Rolle. Die Kritik richtete sich vorrangig gegen die deutsche Politik, auch wenn man sich mit aktuellen Protesten im Senegal solidarisierte und kurzerhand einen Gegenpreis für dekoloniale Widerstandskämpfer ausrief. Für den SDS war Senghor schlicht ein neokolonialer Kollaborateur des europäischen Imperialismus. Für die Aktionen gegen die Preisverleihung, die zu heftigen Auseinandersetzungen mit der Polizei führten, gab es jedoch auch aus den eigenen Reihen Kritik: das Demokratieverständnis des SDS sei selbst neokolonial und der aufklärerische Effekt in der Öffentlichkeit ausgeblieben. Afrikanische Studierende innerhalb des SDS hielten den Preis trotz der geteilten Kritik an der Politik Senghors für bedeutsam, weil er die bislang höchste Auszeichnung eines schwarzen Autors in Deutschland darstellte.
Szene auf dem Paulsplatz während der Verleihung des
Friedenspreises (Foto: Jan Roewer, ISG)
Längerer Auszug, deutsch: Die Versöhnung der Gegensätze (22. September 1968)