Auszug: Ansprache in der Paulskirche
(Madlen Vartian, 24. April 2014)
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Madlen Vartian (*1982)
Juristin und ehem. Vorsitzende des Zentralrats der Armenier
kurzer Auszug: Die Chiffre 1915 (Aleida Assmann, 24. April 2015)
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Aleida Assmann (*1947)
Literatur- und Kulturwissenschaftlerin
Das Jahr 1915:
Beginn des Genozids im Osmanischen Reich
Seit 1991 wird in der Paulskirche regelmäßig der Opfer des Genozids an den Armeniern und anderen christlichen Gemeinschaften im Osmanischen Reich gedacht. Durch Pogrome seit dem Ende des 19. Jahrhunderts und durch die systematische Vernichtungspolitik vor allem in den Jahren 1915-17 wurden insgesamt mehr als 1,5 Millionen Menschen ermordet. Die größte Gewaltwelle nahm am 24. April 1915 in Istanbul ihren Anfang, als die jungtürkische Regierung begann, armenische Intellektuelle zu verhaften. Die genozidale Gewalt gegen die armenische, aramäischsprachige und griechische Zivilbevölkerung im Gebiet des Osmanischen Reichs zielte auf die Auslöschung ihres Lebens und ihrer Kultur: durch Deportationen und Todesmärsche in die Wüste sowie durch Enteignung, Turkisierung und sexualisierte Gewalt. Mit der Gedenkveranstaltung, die vom Zentralrat der Armenier, der Diözese der Armenischen Kirche sowie der Botschaft der Republik Armenien ausgerichtet wird, verbindet sich die Hoffnung, auch in Deutschland einen angemessenen Erinnerungsort zu finden. Die Veranstaltung in der Paulskirche widmet sich dem historischen Geschehen des Genozids und der Frage seiner Anerkennung. Neben den Veranstalterinnen kkamen in den letzten Jahren sehr verschiedene Perspektiven zu Wort, darunter der Schoa-Überlebende Ralph Giordano, der aus der Türkei ausgebürgerte Schriftsteller Doğan Akhanlı sowie die Kulturforscherin Aleida Assmann. Auch das musikalische und literarische Programm der Gedenkveranstaltungen bildet eine wichtige Form der Erinnerung an die zerstörte Kultur und ihre Überlieferung bis heute.
Die Violinistin Ani Aghabekyan spielt das armenische Lied „Grung“ während der Veranstaltung 2009 (Foto: ZAD-Archiv)
Anerkennung der historischen Wahrheit:
gegen die Leugnung und Verharmlosung des Genozids
Das armenische Gedenken an den Genozid im Osmanischen Reich setzt zugleich ein politisches Zeichen gegen die Leugnung des historischen Geschehens. Die Forderung nach Anerkennung des Genozids bildet für die Gemeinschaft der Nachfahren der Opfer eine wichtige Grundlage für das gegenwärtige und zukünftige Zusammenleben. Das Gedenken richtet sich insofern nicht nur gegen das Vergessen, sondern mahnt die Nachfahren der Täter an die Verantwortung für die Verbrechen der Vergangenheit.
Dass die Geschehnisse um das Jahr 1915 einen Genozid darstellen, wird in Deutschland erst seit 2016 offiziell anerkannt. Dabei war das Deutsche Reich als militärischer Verbündeter des Osmanischen Reichs mitverantwortlich für den Massenmord. In der heutigen Türkei, der Rechtsnachfolgerin des Osmanischen Reichs, wird die Verantwortung von Seiten der Regierung sowie von einem Großteil der Zivilgesellschaft jedoch weiterhin abgestritten, obwohl der Genozid unter den Augen der Welt geschah und hinreichend erforscht ist. Auch nationalistische türkische Verbände in Deutschland vertreten diese Leugnungspolitik – insbesondere gegen das armenische Gedenken und gegen türkeistämmige Politiker und Intellektuelle, die sich für die Anerkennung einsetzen. Die Leugnungspolitik zielt auf die Zerstörung der Erinnerungskultur und auf die Auslöschung aller Spuren armenischen Lebens auf dem Territorium der heutigen Türkei. Für die Nachfahren der Opfer setzen sich dadurch bis heute Verfolgung und Gewalt fort.
Demonstration 2015 in Berlin unter dem Motto
„Gegen Vergessen. Für Anerkennung!“ (Foto: dpa)
Aghed – die Katastrophe:
generationenübergreifende und solidarische Erinnerungskultur
„Aghed“ bedeutet Katastrophe und ist der Name für die gewaltsame Zerstörung armenischen Lebens. Von zentraler Bedeutung für die vielfältigen Formen genozidaler Gewalt waren die Todesmärsche in die Wüste und das Lager Deir ez-Zor im Osten Syriens. Für die Nachfahren der Opfer ermöglicht das Gedenken, gemeinsam ein globales und diasporisches kulturelles Gedächtnis zu errichten. Die Erinnerung an die Vernichtungspolitik hat daher für die nachfolgenden Generationen eine zentrale Bedeutung. Nach dem Genozid im Osmanischen Reich stellt sich die Frage: wie in einer Welt leben, in der diese Katastrophe möglich war? Diese Frage eröffnet eine neue Perspektive in der Erinnerung an genozidale Gewalt, die über die Nachfahren der armenischen Opfer hinausreicht. Zu den Gedenkfeiern an „Aghed“ kann jeder beitragen, der Teil einer solidarischen Erinnerungskultur werden möchte. An den Veranstaltungen beteiligt ist etwa auch der deutsch-türkische Verein Soykırım Karşıtları Derneği aus Frankfurt, der sich gegen die Leugnung des Genozids in der heutigen Türkei wendet. In Deutschland hat sich die Erinnerung an „Aghed“ immer wieder mit dem Gedenken an Auschwitz verbunden – auch „Schoa“ bedeutet Katastrophe. Die geteilte Erinnerung und die Anerkennung der jeweiligen Besonderheiten der Verbrechen können das öffentliche Bewusstsein für die genozidalen Gewaltgeschichten des 20. Jahrhunderts schärfen. Denn es gibt nicht nur historische Verflechtungen zwischen dem osmanischen Genozid und der Massenvernichtung des europäischen Judentums. Auch in der Traumatisierung der nachfolgenden Generationen weisen beide Genozide Parallelen auf.
Gedenkwort des Primas der Armenischen Kirche während der Gedenkveranstaltung 2023 (Foto: Wilhelm Schultze)
Gesamte Rede: Ansprache in der Paulskirche (Madlen Vartian, 24. April 2014)