kurzer Auszug, deutsch: Für Menschlichkeit – gegen Nationalismus und Rassenwahn
(19. Dezember 1957)
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Josephine Baker (1906 – 1975)
Tänzerin, Sängerin und Bürgerrechtlerin
Für die Menschlichkeit:
gegen Nationalismus und Rassismus
Im Dezember 1957 kommt die Tänzerin Josephine Baker erstmals als politische Rednerin nach Frankfurt. Der Verband für Freiheit und Menschenrechte e.V. hatte die Darstellerin und Sängerin, die ein großes internationales Renommee genoss, eingeladen. Die meisten kannten sie seit der Weimarer Zeit als Star auf großen Bühnen und in Revuen. Ihre Tanzkarriere hatte Baker jedoch im Jahr zuvor vorläufig für beendet erklärt. Viele ihrer Fans kamen daher auch, um ihren politischen Auftritt zu bewundern – ein journalistischer Beobachter der Frankfurter Allgemeinen Zeitung hingegen zeigte sich irritiert davon, von der einstigen Gesangsstimme nun aufklärende und mahnende Worte zu hören.
Mit politischen Fragen hatte sich Baker allerdings nahezu während ihrer gesamten Karriere befasst. Gefeiert wurde sie als Tänzerin auch dafür, dass sie in ihren Darbietungen kolonialrassistische und exotisierende Stereotype durch Parodie und Übertreibung umdeuten konnte. Bei ihren Auftritten in den USA wendete sie sich stets gegen die rassistische Trennung der Gesellschaft, die sie in ihrer Kindheit in den US-amerikanischen Südstaaten selbst erfahren hatte. 1957 ist sie bereits französische Staatsbürgerin und wird vielerorts, etwa aufgrund ihrer Verdienste für die Widerstandsbewegung der Résistance im Zweiten Weltkrieg, als politische Person und Bürgerrechtlerin wahrgenommen. Dies erkennt auch die Chefredaktion der Frankfurter Rundschau an und lädt Baker nach ihrer Rede noch zu einem politischen Gespräch ein.
Josephine Baker während ihrer Rede in der Paulskirche
(Foto: getty images/ullstein bild)
Humanismus der Regenbogenkinder:
die politische Rede einer Mutter
Der Besuch Josephine Bakers in Frankfurt dient auch der Vorstellung ihres neuen Kinderbuchs Die Regenbogenkinder (1957). Darin schildert sie in abgewandelter Form ihr eigenes Leben mit zahlreichen adoptierten Kindern auf einem Schloss im Südwesten Frankreichs. Dass die Kinder ihrer „Regenbogenfamilie“ verschiedene Herkünfte haben, ist eine von Bakers politischen Botschaften an die Welt. Die universalistischen Werte der Menschlichkeit, für die sie in ihrer Rede wirbt, realisieren sich für sie in ihrem eigenen Familienleben. Die human race versteht sie insgesamt als eine große Familie, deren Basis die Unschuld der Kinder ist. Diskriminierung und politische Gewalt stellen dagegen das Versagen der Erwachsenen dar. Kinder hingegen seien, ganz unabhängig von Herkunft und Aussehen, frei geboren und teilten die Gleichheit in der Vielfältigkeit des Zusammenseins.
Mit der Idee der Regenbogenfamilie formuliert Baker eine konkrete Utopie. In ihrer Rede tritt sie für das Prinzip der menschlichen Geschwisterlichkeit ein, das ein Zusammenleben jenseits nationaler Zugehörigkeiten ermöglichen soll. Das Gespräch über diese Utopie sucht sie nicht nur mit der erwachsenen Zuhörerschaft in der Paulskirche, sondern vor allem mit den Kindern selbst. Für eine Lesung aus ihrem Buch besucht sie während ihres Aufenthalts in Frankfurt auch die Grundschüler der Holzhausenschule.
Josephine Baker signiert ihr Buch Die Regenbogenkinder nach einem Auftritt in Frankfurt 1957 (Foto: getty images)
Die Gefahr, die bleibt:
alte und neue rassistische Diskriminierung
Die Rede Josephine Bakers in der Paulskirche ist nicht nur ein starkes Plädoyer für Humanismus, sondern umfasst auch eine Kritik an nationaler Zugehörigkeit und rassistischer Diskriminierung. Sie bringt auch die Erfahrungen zur Sprache, die Baker selbst während ihrer Auftritte seit den 1920er Jahren gemacht hat. Neben dem Rassismus ist dies der Antisemitismus, den sie in Frankreich während ihrer Ehe mit dem jüdischen Industriellen Jean Lion erfährt, sowie das Heraufziehen des Faschismus im Europa der Zwischenkriegszeit. Im Dezember 1957 zeigt sich Baker bei ihrer Rede noch ganz erschüttert von den jüngsten rassistischen Vorfällen in Little Rock (USA), wo schwarzen Jugendlichen der Schulbesuch verwehrt wurde. Sie kritisiert diesen Vorfall weniger als Folge einer individuellen Haltung denn als gesellschaftliches Problem, als Ergebnis rassistischer Gesetzgebungen und sozialer Gewohnheiten.
Bakers kritischer Blick bleibt stets global und auf verschiedene, auch historische Zusammenhänge der Diskriminierung ausgerichtet. So berichtet sie von ihrer Begegnung mit der nationalsozialistischen Bewegung 1931 in München und wie dadurch das Freiheitsgefühl erschüttert wurde, das sie als schwarze Frau in Europa im Vergleich zu den USA empfunden habe. Ihre Besuche in Deutschland nach dem Krieg stimmen sie zwar optimistisch, da sie eine Sehnsucht nach einer offenen, vielfältigen Gesellschaft verspürt – doch warnt sie auch vor dem nationalistischen Ehrgeiz und verletzten Stolz der Deutschen, die zu einem neuen „München“ führen könnten.
Josephine Baker bei einem erneuten Besuch in Frankfurt 1962
(Foto: Tadeusz Dabrowski, ISG)
längerer Auszug, deutsch: Für Menschlichkeit – gegen Nationalismus und Rassenwahn
(19. Dezember 1957)
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